FERDY DOERNBERG BEFORE THE SUN GOES DOWN 73:08 DLR

Steve Burdelak

Was macht der gestandene Musiker, der in Corona-Zeiten nicht auftreten darf. Klar, er geht ins Studio und arbeitet an einen Release. Davon trudelten in den letzten Monaten so einige in unsere Redaktion ein. Doch das Wenigste hatte die Qualität, wie das aktuelle Solowerk von Ferdy Doernberg (Axel Rudi Pell).

Der Multiinstrumentalist und Tausendsassa an allen Instrumenten, hat nicht weniger als neunzehn Beiträge eingezimmert und den Silberling zeitlich voll ausgereizt. Value for Money! Doch anstatt sich nur auf die Masse zu konzentrieren, serviert uns Ferdy, der sich auch für die coolen Vocals verantwortlich zeichnet, ein facettenreiches Werk, das sich in einem erstaunlichen US-Sound im Americana-Stil, beziehungsweise Southern Rock und Country manifestiert.

Richtig, alle Songs samt den Lyrics stammen aus der Feder des Meisters, der sich aber an manchen Stellen von Gästen aushelfen ließ. Namedropping gefällig? Nun gleich vier Drummer, Mark Zonder (ex-Fates Warning), Jörg Uken (ex-Rumble Militia, Temple Of Dread), Herbert Hartmann (Rough Silk) und Alex Wenn (ex-Gunter Gabriel) waren auf verschiedenen Tracks am Start. Lebensgefährtin Maike Wolff gab die Ukulele, Percussions und das Viking Sword (?) zum Besten. Am Bass Anke Sobek (Rough Silk), Ecki Hüdepohl (It´s M.E.) sowie Mike Mandel (Rough Silk). Die Gitarristen lauten Mathias Dieth (ex-Sinner, ex-U.D.O., spielt das Solo auf "If You Can´t Be Bad - Be Careful!") und Robby Ballhause (Singer / Songwriter, spielt das Intro auf "Gentleman With A Thing").).

Aufgrund der aufwendigen Texte und dass es sich hier um Ferdy pur handelt...gehe ich stark von autobiografischen Themen aus. Und die haben es in sich. Ferdy liefert Zeit zum Nachdenken und in sich kehren. Und trotzdem bieten die Lieder Spaß, Partylaune, Witz, Charme aber nie den erhobenen Zeigefinger. Ferdy stößt zum Überlegen an und belehrt nicht. Ferdy wäre aber auch nicht Ferdy, wenn er musikalisch auf einem Genre beharren würde. Somit kommt immerhin auf „See You When You Made It Through“, seine Musical-Ader durch, serviert er mit „Gentleman With A Thing“, eine waschechte Tagebuch-Ballade, es gibt einen schönen Chanson, mit dem äußerst kurzen Titel „Spider Cones, Hopeless Romantics, Lovesick Aliens And A Lonely Sparrow Sitting On A Branch Reflecting On Existence“ und direkt darauf geht es äußerst rockig mit „We Need To Be More Punkrock!“...allerdings verpackt in einem wuchtigen 70er-Jahre Hammond-Orgel-Solo los.

Ihr lest, Überraschungen sind genau Ferdy´s Sache. Abschließend gibt es noch etwas saftigen Rock ´n´ Roll („Roaddog“) und immer wieder Piano und Gitarren-Licks. Den Abschluss begleitet die Stammband Rough Silk, mit einem kleinen Mattenschüttler namens „Encore: No Music – No Business!“...kurz, bündig, verspielt und mit Message an die Lockdown-Verantwortlichen zur Zeiten der aktuellen Pandemie!

Schön, dass solche Veröffentlichungen mit Mut und ohne Blick auf den Mainstream noch einkehren. Für mich vielleicht das beste Ferdy Doernberg Album überhaupt. 9,5