Konzertbericht - Udo Lindenberg - 28.06.2019 - Lanxess-Arena - Köln

 

(A.K.-S.) Freitagabend, das erste von zwei Konzerten in der Lanxess-Arena ist eröffnet: Udo Lindenberg- Altrocker, Kunstfigur, deutsches Kult- und Kulturgut. Von 20.11 Uhr an ist Udo-Zeit. Die riesige Leinwand springt an. Feuer! Eine Pyro-Explosion! Die Panik- Band betritt die Bühne und beginnt mit einem instrumentalen Intro, im Hintergrund erscheinen nach und nach Tänzer als Udo verkleidet. Der echte und einzig wahre Udo Lindenberg kommt letztendlich von einem Podest auf den Steg herabgefahren – ein würdiger Auftritt für eine lebende Legende wie ihn.

 

Die Arena bebt. „Köln, das ist unsere zweite Heimatstadt“, ruft Udo vor seinem Panikorchester ins Publikum, „hier in der Exzess-Arena.“ Er habe Entzugs-Erscheinungen gehabt, da diese rheinischen Frohnaturen einfach so gut drauf seien. „Unsere obergeile Freundschaft ist das größte Gut, das wir haben.“

Mit seinen 73 Jahren präsentiert er sich immer noch äußerst bewegungsfreudig, rennt über die Bühne, schwingt sein Mikrofon und torkelt in bester Udo-Manier im Kreis, links, rechts, einfach überall umher. Gesanglich kann er es immer noch und trifft auch die hohen Töne noch problemlos. Seine fantastische Panik- Band unterstützt ihn die gesamten 165 Minuten grandios.

 

Während der ganzen Show, die deutlich mehr klotzt statt kleckert, stellt sich die Frage, wieso all die AfD- Jünger eigentlich nicht Lindenberg als Feindbild gewählt haben, so linksorientierte politische Statement, wie er abgibt. Beispielhaft fordert er die Ehe für alle in der katholischen Kirche (indem er zwei Nonnen und zwei Priester sich auf der Bühne küssen lässt) und lobt das Engagement um Fridays For Future, insbesondere auch Greta Thunberg. Vor dreißig Jahren haben sie den Song „Ratten“ geschrieben, damals habe es auch schon gebrannt, heute immer noch. „Wir haben keine Zeit mehr für Geduld“.  Die Bilder auf der Wand (Smog, Müll, tote Fische, Ölpumpen, Autos, dreckiges Wasser) sind wie Zeichen an der Wand.

 

Ebenso für die Rechtspopulisten hat er ein paar deutliche Worte übrig: „Bevor die Demokratiefeinde zum Zug kommen, müssen wir handeln.“ Von seiner üblichen Lässigkeit ist er in den deutlichen Ansagen stark entfernt.

 

Auch der verhältnismäßig große Einsatz von singenden Kindern und einem 16-köpfigen Kinderchor, der u.a. bei „Wozu sind Kriege da?“ hinzukommt, zeigt: Udo engagiert sich immer noch und ist sich dessen wohl bewusst, dass Kinder die Zukunft sind. Alter muss nicht gleich zu Starrsinn führen, von einem verbitterten Ewiggestrigen ist er meilenweit entfernt.

 

Ansonsten verkörpert Udo Lindenberg aber einfach das, was er seit Jahrzehnten schon tut: der coole Rocker, der sich um nichts schert und eben einfach sein Ding durchzieht. Der Griff zur Zigarre ist nicht weit weg. Dabei ist er überraschend reflektiert über seinen Alkoholkonsum in „Lady Whiskey“. Überhaupt: „Mein Body und ich“, die kleine Ode an seinen Körper, der schon einiges durchmachen musste, wird zu einem Highlight des Abends. Wie er das alles überstehen konnte, den Alkohol, den Konsum, das weiß er selbst nicht so genau. Andere Kollegen hat es bereits erwischt. „Irgendwann komm ich nach“, schmunzelt er, „aber erst in 30 Jahren!“ Er bleibe eben auch mit 73 Jahren der „ewige Rock ’n’ Roller“, nur alleine auf Balladen hat er keine Lust. Gegen Ende des Konzerts erscheint auf der Leinwand ein Satz, der deutlicher für den Panikrocker kaum stehen könnte: „Eines Tages müssen wir alle sterben – aber an allen anderen Tagen nicht.“

 

Die bunten, chaotischen Wirbelbilder auf der Bühne gibt es immer mal wieder, wenn die Panik- Familie auf Party macht. Bei „König von Scheißegalien“ wächst ein prächtig colorierter, bewegter Wald, in dem Flamingos Riesentüten verteilen. Zu „Alles was sie anhat, ist ihr Radio“ wird in knallengen, hautfarbenen Trikots getanzt, bevor ein Gitarrengewitter alles beendet. Wenn bei „Cello“ vier Cellistinnen und eine Göttin aus dem Himmel herabschweben, ist das allemal ein so überwältigendes Bild wie bei „Du heißt jetzt Jeremias“ mit viel Halleluja, Kirchenoberen, Glocke, Kirchenillustration in Cinemascope und Kathedralenlicht. Szenische Fantasien im Sarkastic- Sound sind gegen Zölibat und für gleichgeschlechtliche Ehe. Es tanzten Nonnen in Strapsen, die zu Orgelmusik Priester verführten. Trump und Putin traten zum Boxkampf an, begleitet von einer Horde wilder Wrestlerinnen.

 

Neben diesen karnevalesken Szenen immer wieder der andere Udo, der Leise, der Nachdenkliche,  der Empfindsame,  der Zurückgenommene. Dazwischen kommt der private Udo. Liebeslieder und Erinnerungen, die, mal leiser, mal lauter, von erfahrenen Gefühlen singen. Das sehnsüchtige „Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klauen“ im Maritim-Sound, „Hinterm Horizont“ vor dem rot leuchtenden Brandenburger Tor, „Du knallst in mein Leben“ mit flammenden Tattoo- Herzen und Pin- ups auf der Wand  und im Duett mit der fantastischen Ina Bredehorn. Überhaupt hat Udo Lindenberg  in der Blondine mit der Marie- Fredriksson- Frisur und in der schwarzhaarigen, souligen Nathalie Dorra wunderbare Partnerinnen, mit denen er  tanzen, singen, spielen kann. „Das Leben“ jedenfalls kostet er mit Nathalie ganz tief aus, bevor er sich auf eine himmlische „Sternenreise“ macht, die die Arena in samtene Stimmung versetzt. Ein Handyteppich leuchtet den kosmischen Trip aus.

 

Bald danach zieht das Tempo wieder auf Fete an. Im rasanten Medley gibt es „Johnny Controlletti“, „Sonderzug nach Pankow“, vor Onkel Pös Kneipen-Fassade „Alles klar auf der Andrea Doria“ (mit einem Knall regnet es Goldfäden) und in einem Karnevals-Tohuwabohu „Candy Jane“ mit Stelzengängern, Tänzerinnen, Drummer-Solo, Alte am Stock und Junge als Engel. Udo, der immer mal wieder die Jacke wechselt, mal Kapitän ist, schwarz, blau, rot trägt, steckt im Streifen-Dress, zieht die Schuhe aus und läuft in grünen Socken über die Bühne.

 

Nach „Reeperbahn“ und „Eldorado“ wird es melancholisch: „Good bye Sailor“ mit Meer, Leuchtturm, Möwen, Akkordeon. Udo geht auf „Odyssee“ – und ein Gewitter mit Sturmwellen, Blitzen, Donner und Tornado bricht auf der Leinwand aus.

Alleine die Kostüme aller Musiker und Künstler füllen einen ganzen Sattelschlepper. Gentleman  gibt sein Bestes als Überraschungsgast. Auch nach 22.30 Uhr ist übrigens noch nicht Schluss. Udo Lindenberg gibt nämlich noch Zugaben. Unter anderem hört das Publikum „Eldorado“ und „Danke Kölle. Schönes Konzert bei euch“, so verabschiedet sich der 73jährige dann am Freitagabend.

 

Zu den Klängen von Odyssee, steigt er auf ein Podest und fährt in den Arena-Himmel. Auf der Leinwand: ein Flugzeug, das ins Meer stürzt, ein Riesenknall und eine Feuerfontäne. Auf dem Screen erscheint: Keine Panik. Wir sehen uns ganz bald wieder. Um 22.52 Uhr ist das Konzert dann beendet.

 

Bilder und Bericht von Alexandra Kersten-Spengler

 

Setlist:

Intro

Woddy Wodka

Honky Tonky Show

Mein Ding

Schwere Zeiten

Du knallst in mein Leben

Jeremias

Herzen der stolzesten Frauen

Wozu sind Kriege da

Ratten

Strassenfieber

Segelboot

Scheissegalien

Alles was sie anhat

Lady Whiskey

Mein Body und ich

Das Leben

Sternenreise Cello

Wir ziehen in den Frieden

Bunge Republik Deutschland

Stärker als die Zeit

Horizont

Controletti

Sonderzug

Andrea Doria

Candy Jane

Reeperbahn

Eldorado

Goodbye Sailor

Odyssee