Wahnsinn!»: Wolfgang Petry ist zurück - als Musical
 
«Hölle! Hölle! Hölle!», «Sieben Tage, sieben Nächte», «Weiß der Geier»: Muss man mehr sagen? Fast jeder kennt eine Petry-Zeile. Und daraus entsnd nun - wirklich - ein Musical. Gestern, 12.02.2019 Premiere in der Jahrhunderthalle in Frankfurt.
 
Man sieht ihn kommen, spätestens als Sabine ihrem Mann Peter - einem passionierten Lastwagen-Fahrer - zuraunt: «Ich hab' auch nie mehr von dir gewollt.»
Irgendwo tief im eigenen Ohrwurm-Gedächtnis kündigt er sich an: dieser Wolfgang-Petry-Hit, diese Melodie, die man Irgendwo zwischen Kirmes-Party, Schlager-Revue und 90er-Best-Of schon mal gehört hat - ausgelöst durch die Reizworte «Ich», «nie» und «gewollt». Was hat sie nochmal genau nie gewollt?
 
Brummi-Fahrer Peter wechselt in die Singstimme. «Wir war'n wie Pech und Schwefel und lebten in den Tag», säuselt er. Darauf seine Frau: «Zum Teufel mit der Liebe. Die Gefühle haben versagt.» Für alle, die da noch nicht Bescheid wissen, löst Sabine ein paar Takte später auf, was sie wirklich nie gewollt hat: «Bronze, Silber und Gold, hab' ich nie gewollt.» Denn: «Ich will nur dich, ja dich allein!»
Bronze, Silber und Gold» war einer der großen Hits von Wolfgang Petry (66), der sich 2006 von der Bühne verabschiedete und seitdem eine Art Phantom der Schlagerszene ist. In der Frankfurter Jahrhunderthalle, in dem Sabine und Peter das Lied singen, feiert er nun eine unerwartete Auferstehung. Sabine und Peter heißen eigentlich Vera Bolten und Sigmar Tonk, sie sind Musical-Darsteller - und zwei der Hauptdarsteller in «Wahnsinn!», einem Stück rund um die Hits von Petry. Vera Bolten, bereits in dem Musical „Das Wunder von Bern“ eine etablierte Hauptdarstellerin. Gestern (12. Februar) feierte es Premiere.
 
Es geht um vier Paare, die auf die eine oder andere Weise Probleme miteinander haben. Lkw-Fahrer Peter etwa müsste eigentlich gar nicht mehr seinen Lastwagen fahren, seine Speditionsfirma läuft super. Aber er sitzt einfach so gerne am Steuer - und lässt seine Frau oft alleine zu Hause. Die Wege der Paare kreuzen sich - durchzogen mit Petrys Liedern, von «Bronze, Silber und Gold» über «Weiß der Geier» bis zum titelgebenden Party-Gröler «Wahnsinn» («Waaaaaaahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle? Hölle! Hölle! Hölle!»).
 
Das Direkte, Erdige, Ehrliche, das Petry zugeschrieben wird, wurde auf die Bühne übertragen. Auch in der Art, zu spielen. «Wir versuchen, so echte Menschen wie möglich zu spielen.» so Vera Bolten, und natürlich: Die Musik stehe im Vordergrund. Auch wenn Petry gar nicht so leicht zu singen sei, wie man vielleicht denke. «Man fängt immer tief an - und dann geht es irgendwann sauhoch», erklärt Siegmar Tonk.
Meist geht es darum, dass jemand einen anderen liebt, aber Mist gebaut hat. Dass «Wahnsinn!» auf fruchtbaren Boden fällt, liegt auch daran, dass Petry-Fans nach Ersatz lechzen. Vor mehr als zehn Jahren verkündete der Meister seinen Abschied von der Bühne, heute erkennt man ihn kaum wieder. Mittlerweile singt er auf Englisch als «Pete Wolf». In der Öffentlichkeit macht er sich allerdings rar. Dass er nochmal als der alte «Wolle» auf die Bühne steigt, kann er sich nicht vorstellen. «Alles hat ja seine Zeit und ich glaube nicht, dass diese Zeit nochmal zurückkommt», erklärt er. Das Musical hat er begleitet.
 
Eröffnen wird das Musical mit «Wir sind das Ruhrgebiet».
Karsten (Markus Dietz) und Gabi (Jessica Kessler) sind das zweite Paar.
Beide waren auch schon einmal glücklicher. Er war früher selbst Musiker und sieht die musikalischen Ambitionen seines Sohnes Tobi mehr als kritisch. Dass seine Frau den Jungen unterstützt, stellt die Beziehung auf die Probe. Die beiden sind das typische Ruhrgebietspaar "aus'm Poot" und sprechen so starkes Ruhrgebietsdeutsch, dass schon aufgrund der Intonation fast jeder Satz zum Lacher wird. Dietz ist rollenbedingt eher der ruhige Typ, Kessler die Energiebombe. Beides funktioniert prächtig, so dass sie alle Sympathien auf ihrer Seite haben. Auch gesanglich bleibt bei beiden kein Wunsch offen, wie sie beispielsweise bei "Nichts von alledem" zeigen dürfen.
 
Tobi wird gespielt von Thomas Hohler, seine Freundin Gianna von Dorina Garuci. Aus einem One-Night-Stand wird Verliebtsein. Um das richtig zu entwickeln bleibt wenig Raum, ebenso wie für die Darstellung des Vater-Sohn-Konflikts. Doch im Rahmen der Möglichkeiten gelingt es den Darstellern dennoch gut. Auf jeden Fall bringen Hohler und Garuci pure Lebensfreude auf die Bühne und haben Spaß. Ein Höhepunkt ist, wenn sie in einem viel zu kleinen VW Käfer zum Holzfällerfest "Ho Chi Kaka Ho" fahren und währenddessen das Lied "Gianna" anstimmen. Die einzelnen Wagenteile werden übrigens vom Ensemble gehalten, so dass zusätzlich ein witziger Moment entsteht.
Dann ist noch die Geschichte von Wolf (Mischa Mang) und Jessica (Carina Sandhaus), die sich vor vielen Jahren aus den Augen verloren haben und noch immer aneinander denken. Er hat jetzt eine Whiskeykneipe auf dem Schrottplatz, wo große Teile des ersten Akts spielen, sie eine Wellness-Oase dort, wo das berühmte Holzfällerfest stattfindet. Natürlich landen alle acht Hauptdarsteller durch einen Zufall am Ende dort. Auch Mang und Sandhaus machen das Beste aus ihren Rollen und dürfen im zweiten Akt das schöne "Du bist ein Wunder" anstimmen.
 
Das Bühnenbild dominiert Peters Truck. Fahrerhaus, Ladefläche und Anhänger bilden drei unabhängige Teile. Der Mittelteil beherbergt die siebenköpfige Band unter der Leitung von H.C. Petzoldt, die somit stets sichtbar auf der Bühne ist und immer dann im Fokus ist, wenn Sänger Tobi einen Song performt. Die anderen beiden Fahrzeugteile können per Hand gedreht werden und zeigen immer wieder neue Räume. Gerade für eine Tournee-Produktion klug gemacht.
 
Alexandra Kersten-Spengler